Wehrpflicht oder Freiwilligenarmee?

Wehrpflicht in der NATO - ein Auslaufmodell

Wehrpflicht in der NATO - ein Auslaufmodell

Der aktuelle Stand in den 29 NATO-Mitgliedstaaten ist wie folgt

  • 22 Staaten mit Freiwilligenarmeen (Blau)
  • 6 Staaten mit Wehrpflicht (Dunkelgelb)
    Estland, Griechenland, Litauen, Norwegen, Türkei und Dänemark (mit bedingter Wehrpflicht - blauer Kreis)
  • 1 Staat ohne Streitkräfte (Grün) = Island

Ein Sonderfall ist Dänemark, wo Wehrpflichtige nur dann einberufen werden, wenn sich nicht genug Freiwillige melden. Dies ist bis heute nicht der Fall. Die Wehrpflicht ist de facto außer Kraft.

Litauen hat 2016 wegen der Ukraine-Krise die Wehrpflicht reaktiviert.


Wehrpflicht in der Europäischen Union (EU) - eine Rarität

Wehrpflicht in der EU - eine Rarität

Der aktuelle Stand in den 28 EU-Mitgliedstaaten ist wie folgt

  • 20 Staaten mit Berufsarmeen (blau)
  • 8 Staaten mit Wehrpflicht (orange)
    Estland, Finnland, Griechenland, Litauen, Österreich, Schweden, Zypern und Dänemark (mit bedingter Wehrpflicht - blauer Kreis)

Gegen den allgemeinen Trend zur Abschaffung bzw. Aussetzung der Wehrpflicht entschieden sich die Österreicher im Januar 2013 für die Beibehaltung der Wehrpflicht. Nach Ansicht der meisten Beobachter ging es hierbei allerdings weniger um den Wehrdienst als vielmehr um die Beibehaltung und Nutzung des Zivildienstes.

Anmerkungen zum Sonderfall Dänemark siehe oben.


Wehrpflicht in Europa - bunt gemischt

Wehrpflicht in und um Europa - bunt gemischt

Der aktuelle Vergleich europäischer und eurasischer Staaten Nachbarstaaten mit und ohne Wehrpflicht zeigt einen bunten Flickenteppich. Ein einheitlicher Trend ist hier nicht auszumachen. Eine grobe Einordnung ergibt

  • von den fünf neutralen Staaten in Europa hat 2018 ein Staat eine Freiwilligenarmee (Irland), während vier Staaten an der Wehrpflicht festhalten (Finnland, Österreich, Schweiz und Schweden [2018 reaktiviert])
  • das ungelöste Konfliktpotential zwischen Griechenland, Türkei und Zypern erfordert offensichtlich aus Sicht der jeweils Beteiligten bis auf Weiteres die Wehrpflicht
  • in den meisten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion wird die Wehrpflicht beibehalten bzw. reaktiviert (siehe hierzu auch den nachfolgenden Kommentar)

Kommentar

Der Begriff Berufsarmee wird umgangssprachlich oft für Freiwilligenarmeen mit einer Mischung aus Zeit- und Berufssoldaten verwendet.

Reine Wehrpflichtigenarmeen gibt es nicht, vielmehr waren und sind so bezeichnete Streitkräfte immer eine Mischform aus Wehrpflichtigen und Freiwilligen, will sagen Zeit- und Berufssoldaten.

Während in der NATO die Staaten mit Wehrpflicht im Jahr 2000 noch deutlich in der Mehrheit waren, reduzierte sich ihr Anteil bis heute auf etwa ein Fünftel. Betrachtet man den Anteil der Wehrpflichtigen an der Gesamtstärke der Streitkräfte, so reduzierte sich ihr Anteil von gut einem Drittel im Jahr 2000 auf etwa ein Zehntel im Jahr 2018.

Die Wehrpflicht in der NATO existierte für etliche Jahre nur noch in Griechenland und in der Türkei sowie in Norwegen (dort mit einem Gesamtanteil von einigen Tausend Wehrpflichtigen). Mit dem russischen Vorgehen in der Krimkrise wurde die Wehrpflicht auch für die baltischen Staaten Estland und Litauen wieder relevant.

In den 2004 und 2009 neu hinzugetretenen NATO-Staaten, also den Staaten des ehemaligen Ostblocks, war die Beibehaltung der Wehrpflicht als Übergangslösung positiv zu werten, da man so am besten die Transformation von sozialistisch-autoritär strukturierten Armeen hin zu demokratisch-legitimierten Streitkräften bewerkstelligen konnte. Nebenbei gesagt: Bei dieser inzwischen weitgehend gelungenen Transformation avancierte das deutsche Modell der Inneren Führung zu Recht zu einem echten "Exportschlager"...