Energie für Europa

Energiepolitik - Energierouten nach und für Europa

Sicherheit der Energieversorgung

Die Europäische Kommission legte im Mai 2014 eine umfassende Strategie zur Stärkung der Versorgungssicherheit vor. Sie reagierte damit auf das veränderte geopolitische Umfeld und auf die Importabhängigkeit der EU und plädiert für eine neue Strategie für eine sichere europäische Energieversorgung.

Zu den wichtigsten Punkten gehören die Diversifizierung der ausländischen Energielieferungen, der Ausbau der Energieinfrastruktur, die Vollendung des EU-Energiebinnenmarkts und Energieeinsparmaßnahmen. Zudem wird die Notwendigkeit hervorgehoben, nationale energiepolitische Entscheidungen zu koordinieren und bei den Verhandlungen mit externen Partnern mit einer Stimme zu sprechen.

Energierouten für Erdgas, Erdöl und Strom

Die Grafik zeigt schematisch eine Auswahl wichtiger Energierouten für den Import von Energieträgern von außerhalb Europas nach Europa wie folgt: Erdgas in rot (Pipelines, Flüssigerdgas(LNG)-Tanker und LNG-Terminals), Erdöl in blau (Pipelines und Öltanker) und die einstmals angedachten Stromtrassen des Desertec-Projekts in grün.

Neben den noch aus Zeiten der Sowjetunion stammenden Gas- und Ölpipelines aus Russland und den mit ihnen verbundenen Durchleitungskonflikten sind / waren folgende Gasrouten von besonderem Interesse:

  • die geplante Ersatztrasse für das Ende 2014 gescheiterte South Stream-Projekt ("Schwarzmeerpipeline"), das seinerseits
  • das 2013 gescheiterte Nabucco-Projekt (Gaspipeline über Land vom Kaspischen Meer nach Österreich unter Umgehung russischen Gebiets) ablösen sollte
  • die Transanatolische Pipeline (TANAP) in Verbindung mit der bereits existierenden Südkaukasus-Pipeline (SCP) und der
  • nahezu fertiggestellten Trans-Adria-Pipeline (TAP) von Ostthrakien über Griechenland und Albanien nach Italien.

Näheres siehe Tabelle und Kommentar weiter unten.


Energiepolitik - für Europa kritische Rohstoffe

Kritische Rohstoffe für Europa

Die Grafik gibt einen Überblick über die wichtigsten Energierohstoffe (im Wesentlichen fossile Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas und Kohle), strategische nichtenergetische Rohstoffe und kritische natürliche Ressourcen (z.B. Wasser und Nahrungsmittel).

Die Europäische Kommission hat im September 2017 eine Liste von 27 kritischen Rohstoffen vorgestellt, die für Zukunftstechnologien und damit für die Zukunftsfähigkeit Europas von entscheidender Bedeutung sind (großer Kasten rechts). Bemerkenswert ist, dass viele dieser Rohstoffe zum größten Teil in China liegen.

Insgesamt wurden an die Hundert Rohstoffe analysiert. Die Einstufung als "kritisch" orientiert sich im Wesentlichen an zwei Parametern: die wirtschaftliche Bedeutung und das Versorgungsrisiko des Rohstoffs. Natürlich sind auch jenseits der 27 gelisteten Rohstoffe weitere Stoffe von zunehmender Bedeutung, zum Beispiel Lithium, ohne das eine großflächige Umstellung des Verkehrs auf Strom nicht möglich wäre.

Hintergrund

2010 veröffentlichte die Kommission einen Sachverständigenbericht, in dem die Methodik zur Festlegung der für die EU als kritisch eingestuften Rohstoffe erarbeitet wurde. 2011 nahm die Kommission eine erste Liste mit 14 kritischen Rohstoffen an und erklärte, dass sie das Problem weiterhin verfolgen wird, um zu ermitteln, welche vorrangigen Maßnahmen getroffen werden sollten. Sie verpflichtete sich außerdem zu einer regelmäßigen Überprüfung und Aktualisierung dieser Liste mindestens alle 3 Jahre.

Der Bericht 2014 listet bereits 20 kritische Rohstoffe auf und enthält Empfehlungen dazu, wie die nächste Überarbeitung noch verbessert werden kann. Der jüngste Bericht 2017 benennt die oben erwähnten 27 kritischen Rohstoffe und deutet an, dass die Liste bis 2020 sicherlich erweitert werden muss.


Tabelle
der wichtigsten Energierouten
(von Nord nach Süd und in verkürzter Form)

Erdgas Routen Anmerkungen
Nord Stream 1
Nord Stream 2
Barentsee - Russland - Ostsee - Deutschland (Greifswald) - "Ostseepipeline"
Jamal Sibirien - Weißrussland - Polen und weiter
Bruderschaft Sibirien und Zentralasien - Ukraine - Slowakei - Tschechien und weiter
Sojus Zentralasien - Ukraine - Slowakei - Tschechien und weiter
Nabucco Aserbaidschan - Türkei - Balkan - Österreich 2013 gescheitert
South Stream Russland - Schwarzmeer - Balkan - Österreich 2014 gescheitert
Turkish Stream
als "Ersatztrasse"
Russland - Schwarzmeer - Ostthrakien und weiter im Bau
Blue Stream Russland - Schwarzmeer - Türkei
SCO Südkaukasus-Pipeline (South Caucasus Pipeline) Aserbaidschan - Georgien - Osttürkei (Erzurum)
TANAP Transanatolische Pipeline (Trans Anatolian Natural Gas Pipeline) = Osttürkei (Erzurum) - Westtürkei (Edirne)
TAP Trans-Adria-Pipeline (Trans Adriatic Pipeline) Westtürkei (Edirne) - Griechenland - Albanien - Adria - Süditalien ("Stiefelabsatz") nahezu fertig (2019)
Erdöl
Druschba Russland - Weißrussland - (a) Polen und weiter(b) Ukraine - Slowakei - Tschechien und weiter
BTC Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline Aserbaidschan - Georgien - Südtürkei (Mittelmeer)
Strom
Desertec Nordafrika - Spanien und Italien - und weiter 2014 de facto gescheitert

Kommentar
zur Energieversorgung

Diversifizierung der ausländischen Energielieferungen, wie in der EU-Strategie zur Stärkung der Versorgungssicherheit angeregt? Fakt ist: Im Jahr 2018 waren die Hauptlieferanten von Erdgas in die EU Russland mit rund 47 Prozent der Erdgaseinfuhren, Norwegen mit 34 Prozent und Algerien und Libyen mit zusammen 8,6 Prozent. 89 Prozent des Gases werden über Pipelines importiert, der Rest über Schiffe als Flüssigerdgas.

Hauptlieferroute für russisches Gas war die Ukraine (Brotherhood Pipeline und
Balkanroute), auf die fast die Hälfte der Gesamteinfuhren aus Russland fielen,
gefolgt von Belarus (Jamal-Pipeline) mit rund 20 Prozent und der Nord Stream 1-
Pipeline (30 Prozent)

1. Noch immer fließt ein Großteil des russischen Gases durch die noch aus Zeiten der Sowjetunion stammenden alten Erdgas-Pipelinesysteme Jamal (auch Yamal, benannt nach den Förderfeldern der mittelsibirischen Halbinsel Jamal), Bruderschaft und Sojus (Einheit). Die Pipelines endeten früher in der ehemaligen DDR und der ehemaligen Tschechoslowakei, um im Falle eines Falles den Sieg des real existierenden Sozialismus sicherzustellen. Sie sind heute über Deutschland mit dem europäischen Pipeline-System verbunden.

2. Da die Pipelines durch ehemals sowjetische Gebiete führen, diese aus "neurussischer" Sicht bedauerlicherweise heute aber selbständige Staaten sind (Weißrussland und Ukraine), bot es sich nachgerade an, diese mittels Durchleitungskonflikten ("Gaskrisen") zwischen Russland-Weißrussland (2009) und Russland-Ukraine (2013/2014) auf den rechten Weg zurück zu führen.

3. Zur Vermeidung solcher Konflikte und zur Sicherstellung einer angemessenen Anschlussverwendung hat ein früherer Bundeskanzler das Projekt "Nord Stream" durchgesetzt, mit dem nicht nur die ehemaligen Sowjetrepubliken, sondern auch die offensichtlich als höchst unzuverlässig und risikoreich bewerteten EU-Mitgliedstaaten Polen, Tschechien und Slowakei umgangen werden konnten. Diversifizierung? Vergessen Sie's...

4. Während im Norden ein früherer Bundeskanzler sich für Nord Stream stark machte, wurde sein früherer Außenminister im Süden für das Projekt "Nabucco", eine Gaspipeline über Land vom Kaspischen Meer nach Österreich, aktiv, wodurch unter Umgehung russischen Gebietes die Versorgung Europas mit Erdgas aus dem kaspischen- und zentralasiatischen Raum sichergestellt werden sollte. Das Projekt scheiterte 2013. Diversifizierung? Vergessen Sie's...

5. Damit Europa nicht frieren müsste, bot Russland großzügig als Alternative sein South Stream-Projekt an (umgangssprachlich "Schwarzmeerpipeline"), eine Gaspipeline von Russland durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und von dort über den Balkan nach Österreich. Das Projekt scheiterte Ende 2014. Als Ersatz ist derzeit (2019) eine Schwarzmeer-Pipeline von Russland in den europäischen Teil der Türkei im Bau befindlich (in etwa parallel zur gescheiterten South Stream-Pipeline), von wo aus russisches Gas dann nach Europa transportiert werden soll. Diversifizierung? Vergessen Sie's...

Deutlich wird, dass aus russischer Sicht Deutschland und die Türkei zu Drehscheiben der Verteilung russischen Erdgases werden sollen.